Kreis Vechta wird an der Spitze stehen

Der Lohner Verkehrsexperte Jörg Schneider glaubt, dass Anrufbusse unsere Region entscheidend voranbringen

Ab Mai 2013 sollen Anrufbusse durch den Kreis Vechta fahren. Der Kreistag muss dem Projekt noch zustimmen. Verkehrsexperte Jörg Schneider erklärt, wohin es führt.

 

 


Werden die Anrufbusse im Kreis Vechta funktionieren? Ja. In anderen Teilen Niedersachsens sind solche Systeme sehr ungeschickt angelegt worden. Da mussten sich Fahrgäste einen Tag vorher anmelden.Und die Politik hat sich gedacht: Man muss ja nicht mit ganz so viel Geld einsteigen. Damit hat sie signalisiert, dass dieses System schnell wieder wegfallen könnte. Am Ende hat man dann bestätigt bekommen, was man befürchtet hat: dass es nicht klappt. Sind die Vechtaer Pläne besser? Ja. Sie sind so angelegt, dass man sich erst eine Stunde vorher anmelden muss. Das funktioniert. Dann kann man auch spontan fahren. Was überzeugt Sie noch? Entscheidend ist, dass man versucht, einen flächendeckenden Ansatz hinzubekommen. Sonst will ich von A nach B, einer der beiden Orte macht nicht mit – und schon kann ich die ganze Fahrt vergessen. Was ist an den Vechtaer Plänen zu verbessern? Da fällt mir zurzeit nichts ein. Wichtig wird allerdings eine gute
Öffentlichkeitsarbeit sein. Wenn Sie heute an der Haltestelle stehen und an Ihnen fährt jemand mit seinem Auto vorbei, denkt der vermutlich: Entweder haben Sie den Führerschein verloren – oder Sie können sich’s nicht leisten,Auto zu fahren. Der Busverkehr hat im Kreis Vechta leider ein schlechtes Image. Das hatte der Bahnverkehr vor 15 Jahren auch.Wenn Sie da in den Zug eingestiegen sind, hat auch jeder mit dem Kopf geschüttelt. Heute wissen wir, dass es unheimlich komfortabel sein kann, mit dem Zug nach Bremen oder nach Osnabrück zu fahren. Wie kann der Busverkehr auch so einen Ruf kriegen?
Die Verkehrsunternehmen müssen klar machen, dass der Bus kein Arme-Leute-Verkehrsmittel ist und dass es Lebensqualität ist, eine Alternative zum Pkw zu haben. Das ist für jüngere Menschen leichter aufnehmbar als für ältere. An anderen Orten habe ich beobachtet: Die meisten Fahrgäste solcher Busse sind jung und weiblich. Warum ist das so? Bei den jüngeren Leuten hat der Pkw nicht mehr ganz diesen Status wie noch vor 20, 25 Jahren. Wenn sie kein iPhone haben,
dann ist das für sie sehr viel einschneidender, als wenn sie keinen Pkw besitzen. Die sozialen Kontakte laufen ja stark über
diese Geräte. Im Grunde ist das iPhone nichts anderes als vor 40, 50 Jahren der Pkw: Damals ist die jetzige Großelterngeneration mit dem Pkw mobil geworden. Sie hat ihn genutzt, um soziale Kontakte zu pflegen. Wird die Bedeutung des Autos bei uns weiter nachlassen? Das Auto wird bleiben. Es wird in Zukunft nur weniger Statussymbol sein – und mehr Fortbewegungsmittel. Man wird verstärkt auf andere Lösungen zugreifen, etwa auf Elektrofahrräder und Anrufbusse. Diese Entwicklung macht das neue Angebot zu einem entscheidenden Standortfaktor. Anrufbusse können also helfen, Fachkräfte anzulocken? Der Kreis Vechta hat viele Stärken, aber in derMobilität hat er Schwächen. Perspektivisch
wird sich der ländliche Raum ja entleeren. Da muss man der Politik im Kreis zugute halten, dass sie handelt, bevor sie in eine Problemsituation kommt. Sie sagt aus einer Stärke heraus: Uns geht’s zwar gut, aber wir machen uns Gedanken, was noch fehlt. Das finde ich bemerkenswert. Viele Kinder und Alte werden von Verwandten und Nachbarn mit dem Auto gefahren. Braucht man die Anrufbusse trotzdem? Ich finde es gut, dass diese Hilfen bei uns im Kreis noch so gut funktionieren. Aber wir geben durch die Anrufbusse auch den älteren Menschen eine weitere Möglichkeit, sich fortzubewegen, ohne Bittsteller zu sein. Wenn die Anrufbusse im Mai 2013 fahren, wie wird dann der Kreis Vechta im Vergleich zu ähnlichen Regionen dastehen, was den öffentlichen Nahverkehr angeht? Er wird an der Spitze stehen. Rund um Bremen ist das Angebot auf wenigen Hauptachsen gut. Sonst sind dort allerdings nur ein paar Schnellbuslinien und der Schülerverkehr, danach wird’s sehr dünn. Im Bereich Osnabrück wird die Einführung von flächendeckenden Anrufbussen
geprüft. Aber Osnabrück wird erst ein halbes Jahr nach Vechta damit starten. Vechta ist da eineNasenspitze voraus.